Dienstag, 17. März 2015

Zwischen Tabu und Skandal - Hermaphroditen von der Antike bis heute

Zwischen-Tabu-und-Skandal-Hermaphriditen-von-der-Antike-bis-heute

von Erika Nussberger

Inhaltliche Beschreibung

Die westlichen Gesellschaften teilen Menschen traditionellerweise in eine männliche und eine weibliche Kategorie. Seit der Antike gibt es aber Menschen, die nicht in dieses als selbstverständlich betrachtete duale Geschlechtersystem passen: Hermaphroditen haben entweder Merkmale, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen oder die als widersprüchlich gelten. Da ihre Existenz die soziale Ordnung in Frage stellt, sah und sieht sich die Gesellschaft von der Antike bis heute herausgefordert, zum Hermaphroditismus Stellung zu beziehen und Konzepte zum Umgang mit den Betroffenen zu entwickeln. In diesem Buch werden die wichtigsten historischen Entwicklungen rund um den Hermaphroditismus in der westlichen Welt im medizinischen, juristischen und sozialen Kontext dargestellt - geprägt von spannungsgeladenen Gegensätzen zwischen Mystifizierung und dem Bemühen um sachliche Einordung, zwischen Faszination und Ablehnung, zwischen Tabu und Skandal.

Rezension

Das Buch behandelt auf 279 Seiten die Entwicklung der Behandlung und Sichtweisen auf Hermaphroditismus von der Antike bis heute. Das vorliegende Buch ist eine Dissertation und liest sich erstaunlich flüssig und interessant.

Kapitel 1 berichtet von göttlichen Zeichen und menschlicher Reaktion von 500 v. Chr. bis 500 n. Chr.
Die Geburt eines Hermaphroditen wurde als schlechtes Omen und als Strafe Gottes gesehen. Sie wurden getötet, verbrannt und verband; es wurden Tempel erbaut und Opfer gebracht, um die Göttern zu besänftigen und sogar Kriege wurden ihretwegen geführt. Es gab aber auch Fälle sogenannter spontaner Geschlechtsumkehr von Frauen zu Männern, denen plötzlich männliche Genitalien wuchsen oder Männer die zu Frauen transformierten. Diese Menschen wurden als Heilige angesehen und verehrt. Priester, Ärzte, Justiz beschäftigten sich mit der Existenz der Hermaphroditen und jeder sah das Wahre Wissen auf seiner Seite.

Kapitel 2 schildert Hermaphroditismus als juristischen Problemfall von 500 n. Chr. bis ca. 1750 n. Chr.
Sodomie, Geschlechtszuweisung, Ehe und Kirche sowie Justiz – welche sehr hart und brutal bis zur „doppelten“ Todesstrafe (Erhängen und Verbrennen) ging und unter dubiosen Begutachtungen zu ihren Urteilen gelangten. Hermaphroditen wurden als Kranke angesehen und mussten behandelt werden (erste Gedanken zu Operationen am Genital). Es entbrannt eine Diskussion über die Entstehung von Hermaphroditismus. Sexpraxis, Position beim Akt, Zeitpunkt der Zeugung, Vermischung von gutem und schlechten Samen. Es wurde versucht Hermaphroditen in Geschlechtskategorien m/w/z bzw. mehr Geschlechter einzustufen.

Kapitel 3 berichtet dann in einem Zeitraum von 1750 n. Chr. bis 1850 n. Chr. von der Entdeckung der inneren Organe.
Die Entdeckung der inneren Organe führte zum Versuch der Geschlechtsbestimmung und heizte die Ursachenforschung für Hermaphroditismus an. Die Ärzte sahen sich plötzlich in der Lage eine Ehe-/Zeugungsfähigkeit zu diagnostizieren (Hypospadie schloss eine Ehe-/Zeugungsfähigkeit aus). Das Vorhandensein von funktionsfähigen Hoden bewies die Männlichkeit – neue Untersuchungsmethoden umfassten neben der Beschau und Tastuntersuchungen nun auch das Einführen von Sonden in die Harnwege/Hohlräume (Rektal/Vaginal), Untersuchungen mit dem Spekulum oder dem Mikroskop; es wird auch von Kerzen! als Untersuchungsobjekt gesprochen. Die Untersuchungen werden invasiver und schmerzhafter – führte aber selten zu einer Diagnose. Aus diesem Grunde wurden Obduktionen der Betroffenen nach dessen Tod gewünscht. Es kam zu ersten Operativen Eingriffen (Hypospadie und Neovagina/Klitorisamputation).

Kapitel 4 erläutert die Tücken der Eindeutigkeit von 1850 n. Chr. bis 1920 n. Chr.
Die Medizin versuchte Ursachenforschung zu betreiben, gelangte aber zu keinem Ergebnis. Sie versuchte Hermaphroditen und Pseudohermaphroditen zu kategorisieren und stellt Betroffenen eine geistige Minderwertigkeit anheim. Die Behandlungskonzepte wurden vereinheitlicht, aber auch medizinischer. Durch den Einsatz von Mikroskop und Narkose rückten die Geschlechtsdrusen in den Vordergrund und die Operationen an Klitoris/Hypospadie/Neovagina nehmen zu. Die Justiz beschäftigt sich mit der Geschlechtszuweisung und deren rechtlichen Auswirkungen. Es wurden Regeln einer Ehe- und Zeugungsfähigkeit aufgestellt und Sonderregelungen im Bezug auf Beruf und Sittlichkeit in Erwägung gezogen.

Kapitel 5 behandelt die Behandlungspflichtige Krankheit oder drittes Geschlecht ab 1920.
Das Kapitel beginnt mit einer Autobiografie einer Betroffenengeschichte aus heutiger Sicht. Das alles beherrschende Thema dieser Epoche sind Hormone, Chromosomen, Entwicklungsmöglichkeiten und die Syndrome werden in viele unterschiedliche Gruppen (= Krankheiten) unterteilt. Neu hinzugekommen ist die Bildgebende Diagnostik des Körperinneren. Es wird über die Machbarkeit von Geschlecht im Rahmen von OP´s diskutiert – die allerdings auf 1. Linderung von Beschwerden, Ausscheidungsfunktionen und Sexualfunktionen, 2. Normale Geschlechtlichkeit herzustellen, abzielten.
Mitte der 90-er Jahre meldeten sich dann Betroffene erstmals mit ihren Erfahrungen zum Baltimorer Konzept zu Wort. Dies wurde nach 20 Jahren dann auch endlich von der Medizin zur Kenntnis genommen und es kam zu ersten Studien und Umdenken in den Guidelines 2001.

Abgerundet und in Kurzform zusammengefasst folgt in Kapitel 6 eine Analyse der Kapitel 1 – 5 und es schließt sich eine Diskussion an.

Abschließend folgten eine Zusammenfassung und Schlussfolgerungen.

Das Buch hat sich erstaunlich leicht lesen lassen und wirkte so gar nicht angestaubt – von der Antike bis heute. Es war interessant geschrieben – wenn sich manche Passagen auch in den einzelnen Kapiteln/Unterkapiteln wiederholten. Es vermittelte den Blick auf Geschlecht im Wandel der Zeit von der äußerlichen Zuordnung – über die Entdeckung der Gonaden – bis hin zu den Hormonen und Chromosomen. Von der Verdammung der Hermaphroditen und Anbetung der spontanen Geschlechtsumgewandelten bis in die heutige Zeit der Behandlung und operativen Geschlechtszuweisung. Ich kann diesem Buch nur eines bescheinigen, es ist interessant und lesenswert.

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